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Bergidylle in Niederthai

Bergidylle in Niederthai

Markus von alpenblogger.at berichtet über seinen Ausflug in Niederthai im Ötztal:

Schon Heinrich Heine beschrieb, man könnte ja vom “Ton” her fast sagen “besang”, die Bergidylle. Und obwohl nicht überliefert ist, ob sich Heine jemals in Niederthai aufgehalten hat, so kann man doch davon ausgehen, dass es ihm in diesem kleinen Dorf gefallen hätte, das so malerisch am “Ende” des Tales liegt. Von hier aus führt keine Straße weiter, nur Straßen zurück, und dennoch möchte man von Niederthai nicht mehr weg, sondern sich von diesem kleinen Bergdörfchen ausgehend jeden Tag auf die Berge begeben. Doch man muss sich gar nicht auf die Berge begeben, auch in Niederthai findet man die Idylle schon wieder, in einem Dorf, das den Eindruck hinterlässt, dass hier die Zeit ein wenig stehengeblieben ist, jedoch in einem guten Sinne. Wer hier Naturerlebnis direkt vor der Haustüre sucht, wer gerne von Bergen umringt, vielleicht auch besser gesagt eingerahmt, werden möchte, findet hier eine Berglandschaft vor, die selbst mir, als gebürtigem Tiroler und wohnhaftem Innsbrucker, die Sprache verschlägt. Und dennoch wirken die Berge nicht bedrohlich, sondern friedlich und einladend. Das ist jedenfalls der Blick, der sich vom Hotel aus bot, das den Namen des Heine Gedichtes, Bergidylle, zu Recht im Namen trug.

Man könnte auch glauben, dass die Menschen, welche in dieser Idylle leben dürfen, privilegiert sind, jemand erzählt mir, traut es sich kaum laut zu sagen, dass hier die Kinder im Winter mit der Rodel in die Schule fahren, man könnte auch sagen: Sanft gleiten können. Man sieht hier kaum Busse auf der Straße, kaum Autos, Ruhe hat sich über das kleine Dörfchen gelegt, doch es ist keine falsche Ruhe, keine brüchige Idylle, die oftmals den Anstrich von Verlogenheit oder Unaufrichtigkeit mit sich trägt. Es ist seltsam, obwohl ich mich als Stadtmensch bezeichnen würde und immer bezeichnet habe, fühle ich mich hier wohl, gehe den Weg durchs Dorf des Abends sogar zwei Mal, schaue mir immer wieder die Berge an, genieße die Ruhe, die Stille. Obwohl in der Natur lese ich “Zeichen”, gehe Spuren nach, welche die Verbindung zwischen Kultur und Natur belegen. Ein Bild, das für mich, aus irgendeinem, nicht ganz beschreibbaren Grund für das Dorf stehen könnte, ist folgendes:

Den Grund für meine Faszination dieses Anblicks, der das Innere einer wirklich sehr kleinen Kapelle, man könnte wohl auch sagen Hauskapelle aus Holz, zeigt, habe ich mir als einen Hang zur Ursprünglichkeit, zur Unverfälschtheit zurechtgelegt. Dieses Zeichen von “Volksfrömmigkeit”, die man an den Abbildung förmlich ablesen könnte, waren etwas, die mich augenblicklich berührten. Und der Blick auf die Natur war nach diesem kulturellen Leseprozess ein anderer geworden. Ich las aus dem Prinzip der symbiotischen Beziehung von Glaube, Natur und Kultur heraus – und halte diese “Interpretation” des Dorfes Niederthai immer noch für sehr plausibel, auch wenn es sicherlich nicht die einzige Interpretation ist. Fakt ist: es gibt in diesem Dorf eine gewisse Ruhe, eine gewisse Harmonie, die man nur damit erklären könnte, dass hier etwas wie “Ursprünglichkeit” erhalten geblieben ist, man könnte auch sagen: ein Hauch von “echter” Idylle. Auch das Gespräch mit einer Yoga-Lehrerin, das ich führen durfte und das hier noch thematisiert werden wird, bestätigt mir auf eine gewisse Weisen diesen Eindruck. Sie fühlt sich wohl hier, findet Kraft in der Natur und empfindet wohl auch diese Art von Harmonie, die von diesem Dorf ausgeht.

 

Keine “Bettenburgen”…

Mir kommt in den Sinn, dass viele Leute von Tirol als so wunderschönem Land sprechen, das aber so sehr von Gier und der Eventkultur verunstaltet und zu Grunde gerichtet wird. Ich habe in mehreren Augenblicken das Gefühl, dass dieser Ungeist hier noch nicht angekommen ist. Niederthai hat keine “Bettenburgen”, sondern Ferienwohnungen und einige Hotels, die gut ein- und angepasst in die Landschaft da stehen. Das Gespräch mit den Besitzern des Hotels Falknerhof bestätigt mir diesen Eindruck, auch wenn wir gar nicht explizit auf dieses Thema Bezug nehmen. Es scheint, dass, zumindest hier, das “authentische Naturerlebnis” im Mittelpunkt steht. Klar ist jedenfalls: Ein großer, unpersönlicher “Hotelklotz” würde nicht in das Gesamtbild von Niederthai passen, auch hier schaut man darauf, dass alles im Rahmen bleibt, eine gewisse “Ursprünglichkeit” erhalten bleibt. Es ist das Angebot, die Natur vermeintlich unverfälscht zu erleben, in dieser aufzugehen und mit dieser umzugehen, nicht so als wäre sie selbstverständlich da, sondern als wäre sie Teil des “Ganzen”. Dieser Umgang schließt Achtsamkeit und Respekt voreinander mit ein. Diese Achtsamkeit meint aber auch die Achtsamkeit des Blickes, der letztlich dazu anhält, genauer hinzusehen: Auf die “belebte” Natur, die von zahllosen Tieren und Insekten bewohnt wird. Wir sind hier nur Gast, es steht uns nur zu, zu beobachten – auch das meint “Nature-Watch” wohl. Mir fällt noch das Wort “Einklang” ein, das auf so wunderbare Art vieldeutig ist und vieles meinen kann: Mit etwas in Verbindung stehen, auf den “Einklang” achten, aber auch die Möglichkeit, es als “Ton” zu interpretieren: Es ist letztlich das “Gleiche”, die Natur und unser zivilisiertes Leben, es geht darum, dass wir, trotz so mancher Verschiedenheit und Unvereinbarkeit, versuchen, im Einklang zu leben und wie Eins zu “klingen”.

 

“Einfach-Da”…

In den Augenblicken dieser Überlegungen und dieser Gedanken machte ich mir auch keine Sorgen über den allzu hehren Ton dieser Reflexionen. Sie waren “einfach da”, ebenso wie die Natur in Niederthai “einfach da” war. Und damit kommen wir wieder zu einem alten Topos zurück, der zwar was anderes meint, aber dennoch wunderbar hierher passt: “Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen”. Und ich hatte das Gefühl, dass dieses Schweigen jetzt angebracht wäre und ich stattdessen die Bilder “für sich” sprechen lassen sollte. Und vielleicht würde ja der Text über meine Wanderung, die ich am nächsten Tag unternehmen wollte, ein wenig bodenständiger werden. Oder vielleicht würde ich gar schweigen und kapitulieren vor der Schönheit der Natur, die unsere Sprache nicht braucht. Aber zweifellos braucht die Sprache die Natur um sie, wie Heine, zu “besingen”. Denn noch war ich im Tal und im Dorf geblieben und hatte schon so vieles gesehen, das zum Erstaunen einlud. Ich war sicher auch bei meiner Wanderung in den Ötztaler Alpen noch das eine oder andere vorzufinden, das beschrieben und “besungen” werden sollte.

 

posted by Markus / alpenblogger.at

 

1 Antwort

  1. Hallo!

    Es freut mich, dass ich meinen Blogeintrag vom “Alpenblogger” auch hier veröffentlichen durfte. Schön ist es bei euch im Ötztal! Obwohl ich ja in Tirol geboren bin, habe ich bisher das Ötztal sträflich unterschätzt und war kaum dort. Ich bin sicher, dass ich das in Zukunft ändern werde!

    Lg
    Markus

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